Ein Schauspieler
beehrt ein Restaurant, ein Modemacher eröffnet eine Bar. Ein Topmodel gibt Catwalk-Storys zum Besten, ein Dschungelcamper berichtet vom Überlebenskampf – Neuigkeiten aus dem gehobenen Sozialleben Berlins, die natürlich eine Schlagzeile wert sind.
Die Leser wollen schließlich wissen, was ihre Promis den lieben langen Tag so tun – bei Adnan, im Borchardt oder am Grill Royal. Da bleibt für ein kleines Kreuzberger Restaurant leider kein Platz, obwohl es durchaus einiges zu bieten hat, zuletzt sogar eine Auszeichnung. Mitte Januar erhielt das Projekt Graefewirtschaft e.V. und mit ihm das Lokal Weltküche den Preis „Soziale Stadt 2010“ – vergeben vom Bundesverband der Arbeiterwohlfahrt, dem Deutschen Städtetag, dem Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen, der Schader-Stiftung sowie dem Bundesverband für Wohnen und Stadtentwicklung.
Die Jury wählte unter 179 Vorschlägen zehn für die Ehrung aus, darunter auch das Kreuzberger Projekt. Verständlich, dass in der Weltküche kräftig gefeiert wurde. Garcon-Autor Marc Steyer besuchte das Restaurant im Kiez zwischen Hasenheide und Kottbusser Damm, probierte Orientalisches, erfuhr Besonderes und erlebte Beeindruckendes.
Ein Freitagnachmittag im Graefekiez. Buntes Kreuzberg. Die Geschäfte verströmen nicht die Noblesse der Shops am Hackeschen Markt, dafür geht es hier familiärer und freundlicher zu. „Kreuzberg not for yuppies“ – Hoffnung , an ein Haus gesprayt. Im kadó, Berlins erstem Lakritzgeschäft, drängen sich die Kunden. Gegenüber bietet Jade Vital 100 Teesorten an, nebenan preist Uhrmachermeister Göring seine 50-jährige Erfahrung. Ein Fotograf lichtet die Bücherskulptur vor Umbras Kuriositätenkabinett ab, die gar nicht so kurios ist. Ein Aufsteller vor dem Haus Nummer 18 wirbt für preiswertes Essen im Restaurant Weltküche, offenbar mit Erfolg.
Der Laden ist gut besucht. Studenten, Senioren, Geschäftsleute nutzen das Angebot. Bunte Stühle und Tische, Stuckdecken, Küchenlampen, die Einrichtung ist ebenso kreuzbergisch wie der Dialog mit dem jungen Servicemann: “Was darf´s sein?“ – „Ich bin mit Frau Jankowski verabredet.“ – „Wie heißt die denn mit Vornamen?“ – „Annette“ – „Hallo Annette, hier ist jemand für Dich.“
Annette Ja
Sie sieht gut aus, spricht mehrere Sprachen, ist genauso charmant wie konsequent und hat eine erstklassige Ausbildung.
Abschlüsse in Betriebwirtschaftslehre, Kommunikationswissenschaften und Psychologie. Bei der Deutschen Bahn machte Sie Karriere, schaffte es bis in die Chefetage und hätte wohl alle Chancen für einen weiteren beruflichen Aufstieg gehabt. Die 47-Jährige verzichtete jedoch auf sechsstellige Jahresgehälter, noble Dienstwagen und luxuriöse Büros, verabschiedete sich aus dem Top-Management und engagiert sich seit zwei Jahren für die Graefewirtschaft und das von diesem Verein betriebene Restaurant Weltwirtschaft. Nach dem Grund für ihre Entscheidung gefragt, sagt sie: „Ich habe im Managerjob zunehmend den Sinn vermisst.“
Die Erkenntnis ist bemerkenswert und die Konsequenz daraus noch bemerkenswerter. Am bemerkenswertesten jedoch ist die Tatsache, dass Annette Jakubowski dem Projekt auch privates Kapital in beträchtlicher Höhe zur Verfügung stellte.
„Graefenwirtschaft e.V.“, erklärt sie, „ist ein soziales Unternehmen, das von Migrantinnen aus neun Ländern gegründet wurde, um nachhaltige Arbeitsplätze zu schaffen.“ Sie betreiben eine Nähwerkstatt, die sich auf die Herstellung von Taschen spezialisiert hat, das Restaurant Weltküche und eine Cateringfirma. „Weil ich auch einen Migrationshintergrund habe, liegt mir das Projekt besonders am Herzen“, sagt Annette Jakubowski. Sie wuchs in Mainz auf, Vater Grieche, Mutter Französin.
In der Küche des Weltrestaurants arbeiten an diesem Tag drei Frauen. Die Küchenleiterin Maria Mendoza de Krug stammt aus Ekuador, Jamila Alsadi aus Syrien, normalerweise Chefin der Nähwerkstatt und Fatma Kiki aus der Türkei. Sie gehören zu denen, die den Weg in das Projekt fanden, weil sie nicht mehr von einer Beschäftigungsmaßnahme zu nächsten und von einem Integrationskurs in den anderen wechseln wollten – ohne Perspektive am Arbeitsmarkt. Sie haben mit Hilfe der Top-Management-Aussteigerin Annette Jakubowski und von Beratern der Berliner Entwicklungsagentur für Soziale Unternehmen und Stadtteilökonomie ihr Schicksal in die eigenen Hände genommen und sind stolz darauf. Ebenso stolz wie der junge Koch Jakob Lingscheid, der sein Handwerk bei Nola´s am Weinberg gelernt hat. „Sicher hätte ich nach der Ausbildung auch eine andere Stelle gefunden, aber hier kann ich in einem sympathischen Umfeld noch Dinge lernen, die ich woanders nicht gelernt hätte“, sagt der 21-Jährige. Inzwischen gab er seine Vollzeitstelle auf und arbeitet als Minijobber. Lingscheid will Abitur machen und studieren, „entweder was mit Film und Fernsehen oder was mit Wirtschaft und Sozialem.“
Gemeinsam bereiten sie ein Buffet mit traditionellen Gerichten vor, die aus den Heimatländern der Frauen stammen: Bulgursalat, Kichererbsenpüree, Pasteten, Teigröllchen, Fladenbrot…
Es geht zu wie in jeder anderen Profiküche auch, lediglich manches Küchenzubehör würde dort automatisch in den Müll wandern – Billig-Kochmesser aus einem schwedischen Möbelhaus beispielsweise. Maria, die Küchenleiterin, lächelt entschuldigend und erklärt: „Weil unsere Preise so niedrig sind, müssen wir sparen.“
Und wenn Sie im Herbst das Projekt selbstständig führen erst recht. Maria und die anderen Frauen hoffen natürlich immer auf Spenden. „Vielleicht braucht ein Restaurantbetreiber Geschirr oder ein Gerät nicht mehr, bei uns würde es helfen, dass wir unsere Arbeit noch besser machen können.“ Der Cateringservice des Vereins steht übrigens schon ziemlich gut dar. Die Referenzen können sich sehen lassen: das diakonische Werk der EKD, die Aids-Stiftung oder die Werkstatt der Kulturen haben das Angebot in der Vergangenheit gebucht und waren begeistert vom unverfälschten, ehrlichen Geschmack der verschiedenen Küchen.
Übrigens: es scheint wohl zu Kreuzberg zu gehören wie Moritzplatz und Mehringdamm, dass viele Menschen im Kiez das Projekt unterstützen – auch mit zinslosen Darlehen. Man weiß hier, wie wichtig solche Investitionen sind.
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