„Es ist mit der märkischen Natur wie mit manchen Frauen“, schrieb Theodor Fontane 1861 im Vorwort zum ersten Band seiner Wanderungen durch die Mark Brandenburg, „auch die häßlichste – sagt das Sprichwort – hat immer noch sieben Schönheiten. Ganz so ist es mit dem Lande zwischen Oder und Elbe; wenige Punkte sind so arm, daß sie nicht auch ihre sieben Schönheiten hätten. Man muß sie nur zu finden verstehn. Wer das Auge dafür hat, der wag es und reise.“
Wir wagen es. Das Ziel heißt Kremmen, Landkreis Oberhavel, knapp 40 Autominuten von Berlin entfernt. In dem durchaus respektablen Reiseführer Brandenburg/Nord des Berliner Argon-Verlages aus dem Jahr 1991 ist die 7.000-Einwohner-Stadt nicht mal erwähnt. Was damals noch verständlich erschien – Motto: Wanderer, was willst du in Kremmen? Langeweile erleben! – wäre heute ein unverzeihlicher Lapsus.
Das Kremmener Scheunenviertel etwa, das bereits durch seine Teilnahme an der Expo 2000 als europaweit einmaliges Denkmal bekannt wurde, ist allemal eine Reise wert. Von den rund 50 Scheunen, im 17. Jahrhundert vor den Toren der Stadt errichtet, wurden die meisten restauriert und beherbergen nun Geschäfte, Restaurants, Werkstätten und ein Museum.
Es gibt eine Antiquitätenscheune, eine Bikerscheune, eine Keramikscheune, eine Musikscheune, eine Galerie und ein Trauzimmer. Während sich andere Brandenburger Kommunen vom großen Geld der Supermarktketten beeindrucken ließen und dem Bau riesiger Shoppingburgen auf der grünen Wiese zustimmten, setzte Kremmen auf den ästhetischen Reiz dutzender alter Scheunen und die Möglichkeit, sie touristisch zu nutzen. Die Rechnung ging auf. In neueren Reiseführern ist das Kremmener Scheunenviertel meist mehr als nur eine Erwähnung wert.
Ein paar Kilometer weiter liegt, umgeben von märkischem Wald, der Kremmener See. Still, idyllisch, ringsum eine Landschaft von einzigartiger Stimmung. Kein Wunder, dass die SeeLodge am Südufer des Sees längst kein Geheimtipp mehr ist.
Das Haus am Wasser entstand Ende der 1930er Jahre und wurde in den folgenden Jahrzehnten immer wieder umgebaut. Lediglich das „Fundament“ blieb erhalten – 64 Pfähle, in den Grund des Sees gerammt, tragen das Haus.
Vor ein paar Jahren entdeckten Olaf und Sven Brandenburg, Inhaber einer hauptstädtischen Werbeagentur, das leerstehende Gebäude. Bei einer Zwangsversteigerung erhielten sie den Zuschlag und steckten 400.000 Euro in die Renovierung und den Umbau. Nach dem Vorbild kanadischer und afrikanischer Naturpark-Lodges entstand ein Anwesen, das zumindest in Brandenburg einmalig ist.
Vor zwei Jahren als SeeLodge eröffnet, bietet es Genuss pur – optisch wie kulinarisch. Im Seerestaurant, das ein Feldsteinkamin nicht nur ziert, sondern auch wärmt, servieren Küchenchef Maik Vogt und seine Brigade eine unaufgeregte Regionalküche, passend zur urig-stilvollen Einrichtung. Frische Produkte in erstklassiger Qualität sind die Voraussetzung, das handwerkliche Können des gebürtigen Thüringers besorgt den Rest.
Für den Herbst und Winter sind übrigens kulinarische Thementage geplant – jeden Donnerstag etwa gibt es einen Fondueabend, freitags Gans satt und samstags das sogenannte Lodge-Food, Gerichte aus Kanada, Afrika und Australien. Am 31. Oktober kommt ein Kürbismenü auf die Teller, am 11. November ist Martinsgans-Essen. Einziges Problem: die SeeLodge hat zwar 90 Restaurantplätze, aber nur 3 Doppelzimmer, 2 Suiten und ein Appartement.